Verarbeitung Zement bei Kälte

Bauen im Winter – Klinkern oder Zementsuppe kochen

23 Januar 2015

Am 23 Januar 2015, als dieses Bild um 10:15 Uhr aufgenommen wurde, waren es noch -3 °C. In der Nacht waren es zwischen -9 und -7 °C an diesem Neubau. Auf dem Bild ist zu erkennen, dass von dem experimentierfreudigen Bauunternehmen auf dieser Baustelle Wasser gekocht wurde. Dieses heiße Wasser wurde in die Mischmaschine gefüllt, dann wurde dem heißen Wasser Zement zugegeben und schließlich Sand. Dieser so hergestellte Mauermörtel wurde zum Vermauern der Klinker an diesem Neubau verarbeitet. Die Arbeiten wurden an diesem Tag auf der linken Seite des Neubaus durchgeführt. Auf dieser Baustelle sind allerdings der Sand, die zu verarbeitenden Klinkersteine als auch die gefrorenen schon fertiggestellten Klinkerschichten durch den Nachtfrost noch sehr kalt und gefroren. Der Zement (in Säcken) wurde dann mit einem offenen Transporter zur Baustelle transportiert. Alle verwendeten Materialien sind weit unter der für die Verarbeitung gesetzlich geforderten Mindesttemperatur. So kann man kein Mauerwerk erstellen, jedenfalls nicht nach den Verarbeitungsvorschriften.

Tipp für Bau und Immobilienkauf

Beim Kauf einer jüngeren Bestandsimmobilie immer auch den Bauzeitenplan und eventuell existierende Bilder vom Baufortschritt einfordern. Auch die Adresse der bauausführenden Firma oder des Bauträgers erfragen. Wer war der Architekt, wer der Statiker und wer hatte die Bauleitung?

Wenn ich einen Bau begleite, werden so etwa 500 bis 800 Fotos von Details während des Baus erstellt. So hat man einen guten Einblick, auch auf das Versteckte am Bau.

Ich berate Sie gern!

Nachdem ich auf der Baustelle den Chef auf die Temperaturen und den Baupfusch angesprochen hatte, erwiderte er auf meinen Hinweis, er könne die Leute nicht nach Hause schicken – Schlechtwettergeld sei nicht so „doll“. Außerdem sei der Termindruck durch die Bauherren immer recht groß. Der Baupfusch wird den Bauherren wohl kaum klar sein. Aufklärungs- und Beratungspflichten sind die Voraussetzung für einen Haftungsausschluss des Handwerkers. In diesen speziellen Fall hätte es dem Bauunternehmen aber auch nichts genutzt.

Kann dieser „gekochte“ Zement (Mauermörtel)
seine Fähigkeit zum Verbinden noch entfalten?

Auch die am Bau vorgefundene Temperatur spricht eindeutig dagegen. Das Wasser in der Mischung wird eher gefrieren, wenn es mit den eiskalten Klinkern in Verbindung kommt. Dies verhindert also den Abbindeprozess zwischen den Materialien. Der kalte Mauermörtel kann seiner Aufgabe, den Haftverbund zwischen Stein und Mörtel herzustellen, nicht nachkommen. Es kann keine Kristallbildung zwischen Zement und Sand stattfinden, da durch das Gefrieren des enthaltenen Wassers dem Zement die notwendige Feuchtigkeit nicht zur Verfügung steht.

Das Abbinden von Zement geschieht relativ langsam und ist temperaturabhängig. Bei so niedrigen Temperaturen wie im Winter kommt die sogenannte Hydratation des Zements zum Erliegen. Normalerweise benötigt dieser Prozess bei normalen Temperaturen 12 bis 24 Stunden. Bei der Mischung des Zements mit heißem Wasser kommt es jedoch zu einem sogenannten Gelblock, gewissermaßen einem Verklumpen, wie man es auch von Saucen in der Küche kennt. (Mehl in heißem Wasser neigt zum Klumpen; bei Raumtemperatur wird die Sauce in aller Regel klumpenfrei und schön semig). Semig sollte auch der Mauermörtel sein.

Im Ergebnis stellt sich ein verminderter Haftverbund zwischen den einzelnen Klinkern im Mauerwerk ein. Es ist mit späteren, sichtbaren Schäden im gesamten so ausgeführten Mauerwerk zu rechnen.

Keine Rohbauarbeiten unter 5 °C

Bei den Rohbauarbeiten sind immer die Normen DIN 1045 Betonarbeiten und DIN 1053 Maurerarbeiten zu erfüllen. Beide Normen schließen Bauarbeiten unterhalb von 5 °C Lufttemperatur grundsätzlich aus. Zumindest bei dieser so vorgefundenen Baustelle. Alle Aussagen der DIN 1053-1 gelten auch für Mauerwerk mit Dünnbettmörtel.

Teile von Mauerwerk, die durch Frost oder andere Einflüsse beschädigt worden sind, sollten vor dem Weiterbau abgetragen werden. Frisches Mauerwerk ist vor Frost zu schützen. Frostschutzmittel und der Einsatz von Salzen sind am Mauerwerk ebenfalls nicht erlaubt.

Auch im Nachhinein ist eine solche Verarbeitung am Mauermörtel nachweisbar.

Folgen und Kosten

Spätestens bei einem Verkauf der Immobilie müsste der Eigentümer diese schadhaft ausgeführte Arbeit am Mauerwerk dem potenziellen neuen Hauskäufer mitteilen. Sollte der Eigentümer das unterlassen, würde später ein Rückkauf möglich sein oder es könnte auch strafrechtlich gegen den Verkäufer ermittelt werden. Auch Schadensersatzforderungen sind denkbar.

Eine etwaige Neuerstellung eines Verblendmauerwerks ist mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Ein Klinker kostet aktuell zirka 0,60 € bis 1,00 €, bei 45 bis 60 Steinen pro m², ohne Mauermörtel und ohne Verarbeitung etwa 54 € netto, etwaige Fugenarbeiten noch nicht einkalkuliert. Der Abriss des Mauerwerks (Vormauerschale) müssten ebenfalls entsorgt werden.